In ihrer 2017 begonnenen Serie Snapshots geht Brigitte Konyen von mehr oder weniger schnell eingefangenen Momentaufnahmen von Menschen aus ihrer persönlichen Geschichte aus. Dieses Farb- und SW-Material scannt sie ein, bearbeitet und entwickelt es. Aus den daraus entstehenden Fine Art Prints werden manuell Collagen gefertigt, also Unikate. Die Fotografien unterzieht Konyen in einem langen, handwerklich aufwändigen Prozess des Auswählens, Fragmentierens und Komponierens einer – auch intuitiven – Neuordnung. Bei Konyen sind Fotografien grundsätzlich nie Endresultat, sondern sind immer Ausgangspunkt für weitere Bearbeitung. Ihr Aneignungsprozess ist zu Beginn ein destruktiver, wie beispielsweise auch in ihren Fotoflechtbildern oder in ihren Montagen aus klein gerissenen Fotografien. In diesen verwendet sie auch, so wie hier in der Serie Snapshots, häufig Bilder aus ihrer eigenen Biografie, also Bilder von Ereignissen der Familiengeschichte, die bereits vergangen sind und nur noch erinnert werden können. Der Serie Snapshots liegen Fotos ihrer weiblichen Vorfahren mütterlicherseits aus mehreren Generationen zugrunde. Bilder von Frauen aus älterer Zeit mit religiös-konservativem gesellschaftlichen Kontext prallen auf  Jüngere. Nur langsam ist es den Frauen gelungen, sich aus traditionellen Einengungen zu befreien, was sich auch an deren mehr oder weniger freizügigen Präsentationen und Kleidern zeigt. Es sind Bilder für ein kulturelles Gedächtnis des weiblichen Körpers. Das Medium Collage – das lange Arbeiten am Material – hat Konyen geholfen, mental tiefer eintauchen zu können in die Familiengeschichte, ohne dass die individuellen Geschichten letztlich dominieren.  Zum Ursprungsmaterial geht sie, wie gesagt, auf Distanz: Aus mit extremen Schnitten herausgelösten Ausschnitten von Fotos verschiedener Zeiten wurden neue, meist zwei-, drei- oder auch vielfach geteilte, vertikal in unterschiedlich hohe Streifen gegliederte Bilder geschaffen. Die Köpfe sind grundsätzlich nicht sichtbar; Einzelteile wie Arme, Beine, Füße, Teile von Oberkörpern – und somit Gesten, Posen und Körpersprache – bestimmen die Bilder. Meist sind neue, surreale Formationen entstanden, indem Körperteile unterschiedlicher Personen und Proportionen aneinandergesetzt wurden. Die Bilder chan-
gieren zwischen Sein und Schein; die Einheit von Handlung, Raum und Zeit ist gesprengt. Konyen öffnet den Blick in ihre Geschichte, verweigert aber gleichzeitig eine eindeutige Les-barkeit und Zuschreibung der Personen, konstruiert ihre eigene Wirklichkeit aus zahlreichen kleinen Erinnerungsfetzen.
Petra Noll-Hammerstiel, 2019

 

In her series Snapshots, which started in 2017, Brigitte Konyen deals with more or less quickly captured snapshots of people from her personal history. This colour and b/w material gets scanned, processed and developed. With the resulting fine art prints the artist makes collages manually, i.e. unique pieces. What happens here is a long, technically complex process of selecting, fragmenting and composing a - also intuitive - reorganization. For Konyen, photographs are never the end result, but are always the starting point for further editing. Her process of appropriation is at first a destructive one, as for example in her photo-weavings or in her montages of small-torn photographs. In these, as in the series Snapshots, she frequently uses images from her own biography, that is, images of family history events that have already passed and can only be remembered.
The series Snapshots is based on photographs of her maternal female ancestors from several generations. Images of older women with religious-conservative social contexts bounce on younger ones. Only slowly have the women managed to free themselves from traditional restrictions, as evidenced by their more or less permissive presentation and dresses. They are images for a cultural memory of the female body. The medium of collage - the long work on the material - has helped Konyen to be able to delve mentally deeper into the family history, without the individual stories ultimately dominating. Here she distances herself from the source material: excerpts of photos of different times, extracted with extreme cuts become new images, usually divided into two, three, or even many vertically arranged stripes. The heads are basically invisible; individual parts such as arms, legs, feet, parts of upper bodies - and thus gestures, poses and body language - determine the pictures. In most cases, new, surreal formations have been created, in which body parts of different persons and proportions have been put together. The pictures change between being and appearance; the unity of action, space and time is blown up. Konyen opens up a view into her story, but denies at the same time a clear readability and attribution of persons, constructing her own reality from numerous small scraps of memory.
Petra Noll-Hammerstiel 2019


 

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