Gertrude Moser-Wagner, 2005
picture this, Neuer Standort, St. Balbach

 

Brigitte Konyen kommt aus dem Pattern-Denken eines „All-Over", das zeigen auch frühere Arbeiten, die mit Malerwalze gemacht sind. Unendlich viele Elemente ergeben in diesem Bild ein Ganzes, das ebenso ein Muster sein kann. Bei näherem Herantreten, optischem Herantasten an das Bildobjekt ergibt sich die Teilrealität, das Element. Hier treffen wir wieder auf die Form als Bewegungsform,  als eine Aufforderung an den/die RezipientIn.

 

Wir kennen, historisch, diese Methode aus dem Impressionismus der En-Plein-Air Maler. Sie malten erstmals direkt vor der Natur, das Licht kam ins Spiel und der Farbauftrag reduzierte sich methodisch zum Farbfleck aus unvermischter Farbe, wie bei Claude Monet, oder sogar zum Punkt im Pointillismus eines Seurat. Das war zweite Hälfte des vorletzten Jahrhunderts in Frankreich. Knapp eineinhalb Jahrhunderte später  haben wir die globalisierte Wahrnehmung einer Realität im Flusse, von der es redundante, mediatisierte Bilder gibt, eine massive Akzeleration der Blicke und Schnitte. Medienbilder vermischen sich mit eigenen Lebenswirklichkeiten und überformen diese zunehmend.

 

Insofern widersteht und widerstrebt das Flechtbild, als Verfahren einer von Hand gemachten (Wieder)Zusammenfügung und Abwägung, jenen computergenerierten Mosaikbildern die wir kennen, die wir aus dem Rechner ziehen oder in der Digitalfunktion unserer Videokamera optional vorfinden. Diese Flechtbilder zitieren zwar den Computer, denn einige Vorlagen sind digital bearbeitet, aber sie entzaubern und definieren die schnelle digitale Oberfläche durch das Zerschneiden des Fotos in Streifen. Digitale Vorstufen sind für Brigitte Konyen bloße Vorlagen und dienen der handwerklichen Bildproduktion als Material. Es entsteht daraus eine neue Zusammenbindung zu einem ETWAS, aber dieses bleibt als Bildobjekt dennoch ein „All-over", das unser Auge herausfordert und unseren Schritt zwingend zum Bild hin führt.

 

Worum aber geht es Brigitte Konyen inhaltlich? Darum, den Wert der eigenen Erinnerung zu hinterfragen, das Nomadische des eigenen Lebens zu reflektieren, das Soziale zu verantworten und jedweder Geradlinigkeit die Mehrschichtigkeit einer Realität vor Augen zu führen, einer Realität die, vor allem etwas ist: Beziehungsrealität.

 

Es entstehen Schnitte und Unterschnitte in eine vorgeführte Wirklichkeit mediatisierter Bildwelten um diese als Verbrauchsgut zu definieren und in der Folge sogar der eigenen Erinnerung zu misstrauen, indem diese Erinnerung an Privates einer Elementewelt zugeführt wird. Damit will ich jetzt nicht die Unverbindlichkeit loben, sondern, im Gegenteil, das Konzept und die Handwerklichkeit einer Gestaltung am Ding als eine Möglichkeit, so wie sie uns hier angeboten ist, unterstreichen. Denn, wie mir scheint, wird damit eine heilsame Desillusionierung ausgesprochen, ein Misstrauen an der schnellen Verfügbarkeit der Bilder, der eigenen sogar und der erlebten. Und daher schließe ich wie ich begann, ganz im Sinne von Ernst Mach mit dem schon oft zitierten „Möglichkeitsmenschen" Musils, wenn er sagt: „Dem Möglichkeitsmenschen gilt das Verwirklichte als das Ungültige, die Möglichkeit hingegen als etwas sehr Göttliches und das eigentlich „Gültige".

 

[© Gertrude Moser-Wagner, 2008]

 

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