Juliane Feldhoffer, 2008
Eröffnungsrede, Galerie Arcade, Mödling

 

Das Besondere an der Betrachtung künstlerischer Fotografie im Gegensatz zur Malerei z.B. ist, dass wir alle eine persönliche Erfahrung mit diesem Medium haben. Egal wie viel man über die tatsächlichen Vorgänge weiß, man hat durch das tägliche Umgebensein eine andere Voraussetzung gegenüber fotografischen Arbeiten.
Und genau dieses Wissen wird mit den Arbeiten von Brigitte Konyen auf sehr spielerische und vielschichtige Art und Weise auf die Probe gestellt.

 

Brigitte Konyen kommt von der Malerei. Heute bedient sie sich zwar überwiegend des fotografischen, digitalen Mediums, aber der Prozess der Bildwerdung ist dem früheren malerischen Prozess nicht allzu fremd.
Philippe Dubois unterschied einmal die Malerei von der Fotografie dadurch, dass der Maler die Vollendung seiner Arbeit selbst bestimmen könne, während der Fotograf durch das Betätigen des Auslösers die Arbeit letztlich aus der Hand geben würde.
Die Arbeit bei Brigitte Konyen ist keineswegs beendet, wenn, wie Dubois meinte, der Knopf gedrückt wurde. Für Brigitte Konyen ist das Bild bzw. sind die Bilder der Ausgangspunkt:
Sie webt in Streifen geschnittene Fotografien, zwei bis Dutzende davon, zu großen bildgewaltigen wie leiseren Bildgefügen zusammen.
Das „Endprodukt" hat faktisch immer zwei Ebenen – eine Horizontale und eine Vertikale - und gleichzeitig aber eine Vielzahl von Perspektiven, die in der Betrachtung angewendet werden können.
Je nachdem mit welchem Fokus man auf die Bilder blickt, nimmt man z.B. abstrakte all-over Strukturen wahr, die bei näherem Hinsehen in unzählige Fragmente unserer bekannten fotografischen Wirklichkeit übergleiten.

 

Die Bilder, die Brigitte Konyen entwirft, sind neue Bildwelten, die mit unserer Vorstellung der Fotografie ein Spiel begonnen haben.
Der Beobachtung von Roland Barthes, dass wir unseren Fokus bei Fotografie immer sofort auf das Motiv richten und das Material dabei außer Acht zu lassen scheinen, antwortet Brigitte Konyen mit der Vergabe einer im wahrsten Sinne tragenden Rolle an das Papier. Denn das Material lässt diese Kompositionen entstehen und unseren Blick dadurch permanent zwischen diesem und den neu entstandenen Bildeinheiten und -differenzen changieren.
Was hier passiert, ist etwas äußerst Reizvolles. Jede Abstandsveränderung oder Veränderung des Blickwinkels zum Bild bringt neue Wahrnehmungen mit sich. Die große, dem ganzen Bild übergeordnete Struktur, die von größerer Entfernung vielleicht noch erkennbar ist, zerfließt beim Herantreten in Einzelteile – oder umgekehrt.
Was geschieht dadurch in der Betrachtung? Der Blick wandert und findet immer wieder neue Anlässe, sich zu nähern und zu entfernen, um zu versuchen die Zusammenhänge zu erörtern.

 

Brigitte Konyen unterwandert unsere Erwartungen an das fotografische Bild, indem Sie ursprünglich zentralperspektivische Bildkompositionen zu – strukturell gesehen – unhierarchischen zweidimensionalen Rasterkompositionen förmlich umbaut. Der Bildraum wird zur greifbaren Bildfläche und auf dieser bilden gewebte Treffpunkte oder Kreuzungen neue Bildzentren, die durch die unterschiedlich starken Bild- bzw. Webstreifen immer wieder neu rhythmisiert sind.
Auf der inhaltlichen Ebene funktioniert es ähnlich: Ob die Bilder einem privaten oder öffentlichen Rahmen entspringen, steht dabei nicht so sehr im Vordergrund – vielmehr wird ein generelles Statement zur Frage der Lesbarkeit von Fotografie abgegeben und damit auch zu unseren sehr stark auf Bilder basierenden Erinnerungen.
Dubois spricht von der Notwenigkeit, am Ort des fotografischen Prozesses dabei sein zu müssen, um ein Bild verstehen zu können; eine Bildunterschrift ist das zwangsläufige Notbehelf, denn zu wesentlich sei dieses Ausschneiden aus dem raumzeitlichen Kontinuum, weshalb die nachträgliche Erkennbarkeit des Bildinhaltes nie vollständig eingelöst werden kann.
Die Künstlerin überlässt uns die Frage, was wir sehen, erst gar nicht, sondern anonymisiert das Ursprungsmaterial von vornherein, indem sie es, aufgrund der Raster, immer nur in einzelnen Fragmenten sichtbar werden lässt.
Und das auch, wenn Sie z.B. zwei Bilder des identen Motivs ineinander webt. Auch hier entstehen durch die materiellen Verschiebungen bei der Herstellung Unregelmäßigkeiten, weshalb sich Details gegenseitig unter den Webschichten verstecken oder im Gegenteil plötzlich ungeahnte Details in den Rastern zum Vorschein kommen.
Es ist ein permanentes Wechselspiel zwischen Motiv, Struktur und Material und die konstante, in unterschiedlichen Graden vorhandene Verweigerung der Sichtbarkeit. Unser Blick stolpert über die Papierkanten und die Tatsache, dass Fotografien an sich immer Fragmente bleiben. Ob es abstrakte Bilder sind, ob es dutzende verschiedene oder gleiche Motive sind, die zu einem  Bild vereint werden, der Blick kommt nie zur Ruhe.
Die Differenz zwischen Abstraktion und Konkretem liegt hier so nah zusammen und weit  auseinander wie wir die Entfernung zu den Bildern ändern oder die Künstlerin uns durch den Webrhythmus und das Zusammenspiel oder Ausspielen der beiden Bildebenen den Zugang gewährt.

 

Brigitte Konyens Arbeiten halten also unseren Blick unweigerlich in Bewegung und laden dadurch paradoxerweise gleichzeitig zum Verweilen ein – auch eine Unterwanderung! Nämlich die unseres gewohnt flüchtigen Blicks im alltäglichen Bilderrausch.
Es ist dieses Zusammenspiel aus konstantem Blickvergnügen und einer einladenden, vielschichtigen und deshalb spannenden Hinterfragung des Mediums, das die Arbeiten von Brigitte Konyen charakterisiert.

 

[© Mag. Juliane Feldhoffer 2008, Kunsthistorikerin, Fototheoretikerin]

 

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